Brakel Extra, 13. Februar 2003

Erlebnisbericht: Schlittenfahrt mit Antiquitätensammler Helmut Heuchel

Auf den Spuren der Vergangenheit

B e II e r s e n . »Jingle bells, jingle bells, jingle all the way. . .« -Ein wirklich schönes englisches Stück, das eine romantische Schlittenfahrt in winterlicher Atmosphäre beschreibt. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ich selbst einmal so etwas erleben könnte! In einer Decke eingekuschelt, sitze ich in einem über hundert Jahre alten nostalgischen Schlitten, der von den beiden Kaltblütern Ninja und Ninjo gezogen wird. Die Glöckchen, die am Geschirr der Pferde befestigt sind, klingen im Takt.

Rechts und links erstreckt sich eine wunderschöne Schneelandschaft. Für eine kurze Zeit begleiten ein paar Pferde, die auf einer Koppel weiden, unseren Schlitten. Wenn es nicht Anfang Februar, sondern Anrang Dezember wäre, könnte man fast auf die Idee kommen, der Weihnachtsmann sei unterwegs, denn wenn dieser tatsächlich zu Weihnachten mit seinem Schlitten unterwegs wäre, dann müsste dieses Gefährt so aussehen wie das, in dem ich gerade sitze.

Wir befinden uns auf einem Feldweg zwischen Bellersen und Bökendorf. Wir, das sind Gustav Schonlau, Alfred Guse, der Antiquitätensammler Helmut Heuchel, der mich zu dieser Tour eingeladen hat, und ich. Als wir den Bökerhof erreichen, zieht der Gespannführer Alfred Guse die Zügel an, und der Schlitten kommt zum Stehen. Das schmucke kleine Schloss, das dem Baron von Haxthausen gehört, kommt inmitten dieser einmaligen Schneelandschaft besonders gut zur Geltung. Ich nutze die Gelegenheit, um ein paar Fotos zu machen.

Dann geht es weiter in den Winterwald. Zentimeterdick liegt der Schnee auf den Tannen. Einen solchen Anblick bekommt man sicher nicht alle Tage zu Gesicht. "Erzählen Sie mir von ihrer Leidenschaft als Antiquitätensammler", bitte ich Helmut Heuchel. Und mit leuchtenden Augen berichtet der Rentner, dass der Ursprung seiner Sammelfreude in seiner Jugend begründet liegt. "Ich habe mich schon immer für alte Relikte aus vergangenen Zeiten interessiert. Als kleiner Junge habe ich eine Zeit lang ausgedientes Kuhgeschirr esammelt", erzählt er und muss selbst ein wenig lachen. Der eigentliche Grund, warum er schon immer »Altes« erhalten wollte, sei darin begründet, dass er das Gefühl genieße, auf diese Weise besondere Traditionen zu erhalten."

 

Ein Stück Geschichte in den eigenen vier Wänden – ein Muss für ,Helmut Heuchel. Als ehemaliger Verkaufsdirektor im Hause Bertelsmann gönnt sich der Rentner nun ein Leben im ländlichen Bellersen. »Es war schon immer mein Jugendtraum, auf einem Bauernhof zu leben. Schon als Kind wollte ich unbedingt Bauer werden.«, erinnert sich der Antiquitätensammler. Beruflich orientierte er sich dann aber doch zunächst in eine ganz andere Richtung. Neben seiner Anstellung bei Bertelsmann eröffnete er einen gastronomischen Betrieb im Münsterland, wo er lange Zeit gemeinsam mit seiner Frau, der Künstlerin Ingrid Heuchel, lebte.

Ein Traum wird
Wirklichkeit

Im Jahr 1980 ' erfüllte er sich dann nach seiner Pensionierung seinen grossen Traum. Er erwarb eine Hof mit Stallungen und ein paar Morgen Land im Tourismus-Musterdorf Bellersen. Heute ist dieses Anwesen selbst über die Grenzen Deutschlands hinaus als "Kreativhof" bekannt. Denn neben den Kaltblütern Ninja und Ninjo, zwei Warmblütern und einigen Gänsen, gibt es auf dem Hof auch noch vieles mehr zu sehen und zu erleben. Ingrid Heuchel macht durch ihre künstlerische Arbeit mit Glas dem Namen "Kreativhof" alle Ehre. (Alles über die Künstlerin und ihre Werke lesen Sie in der nächsten Ausgabe von Brakel EXTRA)

 

"Ho, Ninja und Ninjo, ho!" - ein letztes Mal anhalten und die traumhafte Aussicht' auf das in eine Schneelandschaft eingetauchte Bellersen genießen. Nun sind es nur noch wenige Minuten zurück zum Kreativhof. Ich bereue etwas, dass die Schlittenfahrt schon auf ihr Ende zugeht - schade! Für meine Füße scheint es jedoch höchste Zeit zu sein, ins Warme zu kommen, da diese inzwischen mehr an Eisklötze, als an Füße erinnern. Der Eindruck, den an gleich in der großen Diele des nostalgischen Hofes erlebt, spricht für sich. Gleich neben einem alten Webstuhl befindet sich eine wunderschöne alte Landauerkutsche. "Es ist die "Queen" Mom« unter den Kutschen", bemerkt Helmurt Heuchel. Vor einigen Jahren, so erzählt er, habe er mit einigen Freunden eine fünftägige Fahrt mit diesem Gefährt unternommen. Wir betreten eine kleine gemütliche Teestube. Auch hier wimmelt es nur so von Antiquitäten. Eine antike Standuhr, ein großer würdevoller Spiegel und ein alter Sekretär geben dem Raum seinen eigenen besonderen Charakter. Aber auch der Tisch und die kunstvoll verzierten Stühle, auf denen wir sitzen, lassen Sammlerherzen höher schlagen. Bei einer Tasse Tee erzählt Helmut Heuchel weiter: "Als Kind habe ich drei Jahre bei meinen Großeltern verbracht. Diese Zeit hat mich besonders geprägt.

 

Von 1943 bis 1946 lebte der damals neun- bis zwölfjährige auf dem Bauernhof seiner Großeltern. "Das Leben auf dem Hof mit den Tieren war etwas ganz besonderes für mich", schwärmt der Rentner.
Nun lebt er diese Leidenschaft wieder aus und schmückt sein ländliches Heim zusätzlich mit unzähligen kleinen und großen Schätzen.

"Jedes Stück, dass ich aufbewahre, hat seine eigene, ganz persönliche Geschichte", berichtet Helmut Heuchel. So hat er beispielsweise einen alten Sekretär "aufgepäppelt", der über 50 Jahre auf einem Dachboden im Staub lag. Antike Truhen, majestätische Spiegel, edle Möbelstücke und sogar ein guterhaltener Apothekertisch gehören ebenso zu der umfangreichen Sammlung des Rentners wie einige Ölgemälde. So thront beispielsweise das "Bild der alten Dame" von der bekannten Malerin Anna Hochstädt an einer Zimmerwand des Kreativhofes.

"Man kann für viel Geld in jedem Antiquitätenladen schöne Stücke kaufen", schließt Helmut Heuchel unser Gespräch ab, "für das Sammeln muss man jedoch mehr leisten: man braucht einen geschärften Blick und eine besondere Leidenschaft für die alten Schätze."